5. Kapitel


Dunkle Ecken




Die Gebäude in den Kleinen waren noch verfallener als bei ihrem letztem Besuch. Das Licht der Nachmittagssonne war kaum in der Lage, die düstere Stimmung zwischen den Ruinen aufzuhellen. Kränkliches Gestrüpp bedeckte die rissigen Mauern, hängende Fensterläden knarrten im Wind. Und immer wieder drangen befremdliche Geräusche aus den Gassen und Eingängen.
Die Reste eines Daches stürzten kurz vor den Gefährten auf den Boden, einige Minuten, nachdem sich das Stadttor von Haven hinter ihnen geschlossen hatte. Einige Schritte rechts hinter einer Ecke knirschte Glas unter huschenden Schritten, weiter vorn drang aus einem Haus ein Heulen, von dem niemand wußte, ob es von einem Lebewesen, einem Untoten oder vielleicht doch nur vom Wind in einem alten Kamin verursacht wurde.
Vorsichtig die Umgebung sondierend standen die Gefährten im Schutz eines alten Terrassenvordachs.
Will durchbrach das unangenehme Schweigen: „Er könnte hier überall stecken. Vorschlag: Wir durchsuchen die Häuser systematisch. Nach rechts bis zur Mauer und dann die nächste Straße zurück."
Telsek und Dryan nickten. Niemand brauchte etwas zu sagen; es war klar, daß sie auf diese Weise Wochen brauchen würden, und selbst dann hätten wahrscheinlich die Hälfte übersehen. Trotzdem machten sie sich wortlos auf die Suche, der Elf vorneweg, die scharfen Augen auf Wände und Boden gerichtet, Telsek auf Infrarotsicht eingestellt, um Lebewesen ausfindig zu machen und Will sicherte die Gruppe hinten. Ab und zu hielten die Zauberkundigen für einen kurzen und vorsichtigen Blick in den Astralraum inne.
So vergingen Stunden. Eine kleine Gruppe umherirrender Kadavermenschen, die wahrscheinlich selbst von den Ausgestoßenen ausgestoßen worden war, so abgerissen und orientierungslos irrten sie durch die Gassen, hatte sie angegriffen, obwohl der Kampf von vornherein aussichtslos war. Nach nur wenigen Minuten war das Gemetzel beendet.
Dem Spähtrupp einer Banditenbande jagten die Gefährten einen solchen Schrecken ein, daß sie danach von allen marodierenden lebenden Namensgebern in Ruhe gelassen wurden.
Die Suche nach einer Spur von Kron blieb jedoch ergebnislos. Als sie etwa zwei Stunden nach Sonnenuntergang beschlossen, in einem ehemals zweistöckigen und soliden Haus zu übernachten, das sogar noch eine schließbare Tür hatte, bestand ihre Ausbeute aus einer Handvoll Silber in alten Münzen und zwei angelaufenen, mit kleinen Halbedelsteinen besetzten Armreifen.
Ohne über ihren Mißerfolg zu reden, verzehrten die Freunde ein hastiges Abendbrot und wickelten sich in ihre Decken. Telsek, der die erste Wache hatte, stand lange an einer Fensteröffnung und lauschte auf die unheimlichen Geräusche. Doch nichts klang auch nur entfernt nach den Schritten oder der Stimme eines Orks.

Noch lange vor dem Hellwerden weckte Dryan die anderen. Diesmal gab es keine langen Diskussionen mit Telsek - ein Rudel Ratten hatte lohnende Beute gewittern und war durch eine Lücke in der Mauer lautlos in den Raum gedrungen.
Hektisch griffen die Gefährten nach ihren Habseligkeiten, bevor die Woge grauen Fells darüber zusammenschlagen konnte. Dann stürzten sie hinaus und schlugen die Tür hinter sich zu. Durch die Löcher, die vor Ewigkeiten Fenster gewesen waren, war zu beobachten, daß die Ratten ebenso degeneriert waren wie fast alles in dem ehemaligen Wohnviertel Parlainths. Die Tiere wiesen zum Teil schwere Deformationen auf und den meisten von ihnen fehlte offensichtlich die sprichwörtliche Intelligenz von Ratten. Ohne zu bemerken, daß die Beute verschwunden war, begannen sie zu beißen und zu fressen - ihre eigenen Artgenossen. Vor allem Dryan mußte sich bei diesem Blutbad schaudernd abwenden.

Bis zum Abend hatte die Gruppe einige weitere Gassen erfolglos durchsucht. Die Hoffnung auf einen schnellen Erfolg der Suche war einer Verbissenheit gewichen, die dazu führte, daß kaum Worte gewechselt und hastig und im Stehen gegessen wurde, um jede helle Minute zu nutzen. Außerdem stimmte etwas ganz entschieden nicht - die kleineren Dämonen, die sonst durch die verfallenen Wohngebiete streiften, schienen verschwunden zu sein. Und auch sonst war es viel zu friedlich.
„Wenn schon das Fehlen von Dämonen beunruhigend ist ... Ich glaube nicht, daß hier jemand so gründlich aufgeräumt hat. Eher lauert irgendwo hier draußen etwas ganz Großes", brachte Will ihre Eindrücke auf den Punkt.
Noch vorsichtiger als sonst bewegten sich die Gefährten durch das verfallene Viertel, aber es geschah nichts von Bedeutung.

Auf einem kleinen Platz an der Kreuzung zweier Straßen, deren Pflaster aufgerissen und von stachligen Unkräutern überwuchert waren, stießen die drei kurz vor dem Einbruch der Dämmerung auf ein eigenartiges Denkmal. Zwei Statuen, jede so groß wie Telsek, standen wie in einem Tanz erstarrt auf einem zerfallenem Sockel. Im Gegensatz zu dem kleinen Podest, dessen ursprüngliche Form nach all den Jahrzehnten und unter schwarzen Ranken nicht mehr zu erkennen war, war das Standbild völlig unversehrt. Die überlebensgroßen Figuren einer Frau und eines Mannes, sie aus etwas hellerem Stein als er, wirkten wie gerade aus der Werkstatt eines guten Bildhauers geliefert.
Telsek ging staunend auf das Denkmal zu.
„Daß das noch hier steht. Wißt ihr, was die beiden wert sind? Das ist Jade."
Er streckte die Hand aus.
„Nein", schrie Will auf.
Der Krieger zuckte zurück, gerade noch rechtzeitig, um einem Schlag der grünen Faust des Tänzers zu entgehen.
Mit einem geschmeidigen Sprung verließen die beiden Steinmenschen das Podest. Der Aufprall schien die Erde erzittern zu lassen. Telsek wich einen Schritt zurück, um Raum für Lorms Axt zu haben, die ihm scheinbar von selbst in die Hand glitt. Die Angreifer folgten seiner Bewegung.
Dryan rief: „Abstand!"
Der Krieger wich weiter zurück und hielt die Steinmenschen mit wuchtigen Schwüngen auf Distanz.
Inzwischen hatten die Zauberkundigen ihre Vorbereitungen beendet. Kurz nach einander hüllten ein Feuerball und dann ein Schneesturm die Angreifer ein.
Der Troll brachte sich mit einem großen Sprung außer Reichweite der Zauber, stolperte und rollte stöhnend ab. Als die letzten Eissplitter zu Boden fielen stand er allerdings schon wieder mit erhobener Axt da. Ein grimmiges Lächeln lag auf seinen Zügen, als er sah, daß die Frau bereits in Bruchstücken auf dem Boden lag.
Der männliche Steinmensch kam scheinbar unbeeindruckt von den magischen Angriffen auf ihn zu und streckte seine Hände nach dem Troll aus, der abwartete. Ein kurzer schwerer Hieb gegen die Brust des Mannes genügte. Jadebrocken fielen klappernd und klirrend auf die Reste des Pflasters.
Will und Dryan kamen heran.
„Manchmal kann man sogar aus Fehlern anderer etwas besseres lernen als sie zu vermeiden", lächelte der Elf. „Alles in Ordnung mit deinem Rücken?"
„Geht schon", antwortete Telsek. „Bin nur über einen spitzen Stein gerollt."
Er winkte ab, als der Elf nachsehen wollte.
Will hatte inzwischen begonnen, die größeren Jadestücke in einen Sack zu sammeln.
„Wir hätten es wissen müssen. Ich bin ziemlich sicher, daß wir schon letztes Mal über diese Kreuzung gekommen sind und da gab es noch kein Denkmal", stellte er fest.
Telsek setzte zu einer Entgegnung an, ließ es dann aber doch dabei bewenden. Diskutiere nie mit einem Obsidianer, hatte sein Meister einmal gesagt, sie haben die härteren Köpfe. Und vielleicht hatte Will ja auch recht und er hatte sich von seiner Begeisterung für den schönen Stein hinreißen lassen. Wenn er genau überlegte ... Das „Podest" könnte wirklich der Brunnen sein, der ...
Will riß ihn mit einem freundlichen Schlag auf die Schulter schmerzhaft aus seinen Gedanken.
„Sieh dir das an. Das Oberteil von der Frau ist noch ganz. Als Büste ist das ziemlich viel wert."
Telsek gab ihm recht.
„Wir hätten die sowieso nicht im Stück wegbekommen. Tut mir leid, daß ich nicht ..."
„Schon gut."
Das kaum sichtbare Obsidianerlächeln ließ den Troll sein schlechtes Gewissen vergessen. Besser gelaunt als den Rest des Tages füllten die Freunde zwei Säcke und verschnürten sie so, daß Telsek und Will sie gut tragen und im Notfall schnell fallenlassen konnten.

Auch diese Nacht verbrachten die drei in einer Ruine. In diesem Block hatte allerdings kein Haus ein Dach. Sie waren es zwar gewohnt, im Freien zu nächtigen, aber in dieser Gegend hatten alle ein schlechtes Gefühl.
Will setzte sich während seiner Wache auf die Mauerkrone und ließ seinen Blick, soweit er reichte, über die zerstörte Stadt schweifen. Der Dunst über den Windungen glimmte wie immer noch krank. Huschende und kriechende dunkle Gestalten durchstreiften die Gassen zwischen den Ruinen der Kleinen, die Lebenden waren in der fast vollständigen Dunkelheit nicht von den Untoten zu unterscheiden. Aus Nordwesten drang zwischen den „normalen" Geräuschen ab und zu das Kreischen des Schreienden Brunnens bis zu ihm, ein nervenzerfetzender auf- und abschwellender Ton. Der Elementarist wunderte sich nicht, daß viele, die in die Nähe des Brunnens geraten waren, wenn überhaupt dann wahnsinnig zurückgekommen waren.
Ob es eine Möglichkeit gab, den Brunnen zu reparieren oder wenigstens den Schrei abzustellen?
Aber Will wußte, daß diese Gedanken müßig waren. Parlainth gehörte wohl zu den Orten dieser Welt, die einfach nicht zu retten waren.
Dryan unter ihm wälzte sich unruhig und stöhnend im Schlaf.
Schwere Träume schienen ihn zu plagen und Will überlegte schon, ob er ihn wecken sollte, als der Elf mit einem Aufschrei hochfuhr. Dryan schlug wild um sich und Telsek, der ebenfalls aufgewacht war, machte sich an den Kleidern des Magiers zu schaffen. Will glitt von seiner Mauerkrone hinab und sah erst jetzt, was geschehen war. Dunkelgrüne Flecken bedeckten einen Teil von Dryan.
Rollmoos!
Jetzt half auch Will mit, die aggressiven Pflanzen von seinem Freund herunterzuziehen. Daran hatte keiner gedacht. Zum Glück hatte Dryan so schlecht geschlafen, sonst wäre es dem Rollmoos vielleicht gelungen, ihn vollständig zu überwuchern und seine Wurzeln tiefer in seinen Körper zu bohren. So trug er nur kleinere Wunden davon, die wegen des Lähmgiftes nicht einmal sehr schmerzhaft waren, als er einzelne Pflanzen aus seinen Händen, Armen und Beinen zog. Bis zum Morgen würden sich die Verletzungen wieder geschlossen haben.
Der Troll fluchte: „Verdammtes Grünzeug. Gibt es hier überhaupt etwas Normales?"
Dryan zog sein Gewand über den Kopf und ließ Will im Licht des Leuchtquarzes seinen Rücken untersuchen.
„Nichts. Du hast Glück gehabt. Ich habe wohl nicht sehr gut gewacht ..."
Der Elf zog sich wieder an und winkte ab.
„Wir haben alle nicht aufgepaßt. Hier muß man mit so etwas rechnen. Es wird Zeit, daß wir Kron finden und dann schleunigst verschwinden. Und steck den Quarz wieder weg, sonst machen wir noch andere Kreaturen auf uns aufmerksam."
Dann übernahm Dryan die Wache bis zum Morgen. Aber Will und Telsek schliefen nicht mehr tief und schreckten immer wieder hoch.

Gegen Mittag erreichten sie die Dunkelzone in den Kleinen, die als besonders geheimnisumwittert galt. Nur wenige Abenteurer hatten sich je dort hineingewagt und die, die zurückgekehrt waren, berichteten Widersprüchliches. Noch keiner hatte herausgefunden, was das Licht in den etwa zwanzig Blöcken schluckte und wozu.
Dämonen, Untote, besessene Zauberkundige oder ein mißglücktes Experiment. Es gab viele Theorien, und keine war überzeugend.
Dryan hatte vor einigen Monaten seine eigene entwickelt. Er glaubte an eine übriggebliebenen Effekt der Verteidigung durch die theranischen Magier, die sich verselbständigt und den Sinn verloren hatte. Vielleicht. Wahrscheinlich würde es nie jemand herausbekommen und das ärgerte ihn. Dryan haßte ungelöste Rätsel.
Die Gefährten blieben nur kurz stehen. Die Suche würden sie auch hier fortsetzen. Dryan faßte den Leuchtquarz fest und trat entschlossen in die Finsternis ein, Will und Telsek folgten ihm.
Eigentlich sahen die Ruinen hier nicht anders aus als in den restlichen Kleinen. Nur daß es dunkel wie in einer sternenlosen Neumondnacht war. Selbst der Quarz beleuchtete nur ein paar Quadratschritt, dahinter schien die dunkle Magie seinen Zauber zu schlucken. Am besten hatte es Telsek getroffen. Mit seiner Infrarotsicht wirkte die Umgebung für ihn nicht anders als bei einem Nachtspaziergang.
Wieder trafen sie auf nichts Außergewöhnliches. Nicht einmal ein Huscher ließ sich sehen.
Nach einigen Stunden hatten sie jedes Zeitgefühl verloren. War es Tag oder Nacht? Waren sie schon Jahre zwischen den gleichförmigen Häusern unterwegs?
Eine Kolonie Rollmoos wucherte auf der Suche nach Nahrung über die Gasse, es wirkte wie ein grüner Wurm, der flach auf dem Pflaster kroch und dabei immer länger wurde. Ein Ausläufer bildete sich in ihre Richtung, aber nach einer Berührung mit Kegels Schwert zog er sich vor der Hitze zurück. Die rudimentäre Intelligenz der Pflanzen richtete die Futtersuche lieber auf weniger schmerzhafte Gegner.
Schließlich blieb Dryan stehen.
„Wir kommen hier nicht weiter."
Er wies auf eine vier Schritt hohe Wand von scharfkantigen Dornen und Blättern, die die Gasse vor ihnen sperrte.
Telsek blickte über seinen Kopf hinweg und nickte, als er sah, daß sich einige Ranken schlangenartig in ihre Richtung bewegten.
„Schlingranken. Da hacken wir Stunden dran rum", stellte er fest.
Auch Will war nicht wild darauf, sich mit dem bösartigem und denkfähigem Gestrüpp auseinanderzusetzen, das die Freunde zu beobachten schien.
„Wir können zwischen den Häusern da durchgehen und die Parallelgasse benutzen. Oder durch die Ruine klettern."
Die beiden anderen nickten und machten sich auf den Weg, den Ranken auszuweichen.
Nach drei Stunden (falls ihre Schätzung stimmte), waren sie wieder an der gleichen Stelle angekommen, an der sie die Schlingranken das erste Mal bemerkt hatten. Das Gestrüpp schien einige Blöcke vollständig zugewuchert zu haben. Keine Gasse und kein Durchgang war offen. Selbst in den Häusern wuchsen die dämonischen Pflanzen und wie weit das Gestrüpp in die Tiefe reichte, war nirgends zu erkennen gewesen.
Die Gefährten setzten sich in sicherem Abstand auf den Boden und beratschlagten.
„Das gefällt mir überhaupt nicht. Selbst dieses Zeug braucht doch Licht zum Wachsen."
Dryan zuckte hilflos die Schultern.
„Die Hecke ist von irgend jemandem absichtlich geschaffen worden", sagte Will ruhig. „Ich vermute, daß irgend etwas in der Mitte geschützt oder versteckt werden soll. Und ich glaube", er sah nacheinander seine Freunde an, „wir wollen wissen, was das ist."
„Na, los."
Der Troll erhob sich und prüfte die Schneide von Lorms Axt mit dem Daumen.
„Feuer und scharfe Klingen."

Einige Zeit später standen die Gefährten in der Mitte des umwucherten Gebietes, schwitzend und schwer atmend. Die scharfen Blätter hatten in ihre Gesichter blutige Wunden gerissen und ihre Kleidung zerfetzt. Hinter ihnen wucherten die Ranken den schmalen Durchgang wieder zu, das Rascheln der Blätter erinnerte an das Zischen wütender Schlangen.
Die Freunde tauschten ein paar kurze Blicke aus. Keiner war schwer verletzt worden. Telsek hatte recht mit seiner Vorgehensweise, Feuer und scharfe Klingen. Er hatte jedoch nicht erwähnt, das sie rennen mußten, während sie zauberten und zuschlugen, weil jede Schneise, die sie ins Gestrüpp bahnten, sich sofort wieder mit den bösartigen Ranken füllte.
„Scheiße!" schrie Will plötzlich auf, sich in den Ausschnitt der Robe greifend.
Er zog einen sich windenden dornigen Zweig hervor, der versuchte, in sein Gesicht zu gelangen. Angewidert warf der Obsidianer die Ranke weit von sich.
„Seht mal, der kriecht zu seinen Freunden zurück und wächst noch dabei", sagte Dryan schaudernd.
Dann sahen sie sich um. Das Zentrum der überwucherten Zone lag in der tiefen Dunkelheit ruhig da. Nur ein einziges, für die Kleinen recht großes Gebäude war nicht von den Ranken bedeckt, ebenso wie die umgebende Straßen.
„Wie auf dem Präsentierteller", murmelte Will. „Aber die Hecke scheint recht neu zu sein, vielleicht ein paar Wochen alt."
Vorsichtig umrundeten die Gefährten das Haus. Auf der Vorderseite befand sich ein kleiner gepflasterter Platz, auf dem ein Feuer brannte, dessen Licht allerdings schwächlich wirkte und nicht weit reichte. Und dort standen etwa zwei Dutzend Kadavermenschen, die den Eingang des Hauses bewachten.
Rasch drückten sich die drei an die Mauer des Gebäudes. Die Untoten hatten sie bisher noch nicht bemerkt und standen locker um das Feuer herum, über dem ein Kessel hing.
Will wiederholte: „Wie auf dem Präsentierteller. Das riecht nach einer Falle!"
Will, Dryan und Telsek schlichen sich hinter das Haus zurück. Flüsternd hielten sie eine Lagebesprechung ab, doch nur die Schlingranken achteten auf sie.
„Das ist keine Falle für Namensgeber oder Untote. Wir haben einen ziemlichen Lärm veranstaltet und auf dem Platz reagierte niemand - oder besser nichts. So taub sind nicht einmal Zombies", erklärte Dryan.
„Im Haus", sagte Telsek und wies mit dem Daumen über die Schulter. „Irgend etwas ist da drin, etwas Großes oder ein Köder dafür. Vielleicht macht auch ein Dämon hier Sommerurlaub."
Sein Grinsen war diesmal nicht im geringsten fröhlich.
Will warf den beiden wieder diesen eigenartigen Blick zu.
„Wir wollen es immer noch wissen, stimmt's? Wenn da wirklich ein Dämon ist, schaue ich lieber nicht in den Astralraum. Aber da oben ist ein Fenster."
Kurz darauf schwebte Telsek vor dem Fenster im ersten Stock des Hauses und arbeitete lautlos fluchend am verriegelten Laden. Er wäre lieber auf Wills Schultern gestiegen statt sich auf die Magie zu verlassen. Und er war nicht sicher, ob ein Dämon nicht doch in der Lage war, den Zauber zu spüren. Warum konnten die beiden nicht selber nachsehen? Hatten Dämonen überhaupt eine Wärmeausstrahlung?
Endlich gab der Riegel nach. Vorsichtig schob der Troll seinen Kopf durch das Fenster, in dem schon lange kein Glas mehr steckte. Das Dach des Hauses schien noch intakt zu sein, aber die Zwischendecke zum unteren Geschoß fehlte.
„Kommt hoch, wir werden gebraucht", flüsterte Telsek und schwang sich über das Fensterbrett.
Die Zauberkundigen folgten ihm. Vorsichtig wickelte Dryan den Lichtquarz aus, als sie durch das Fenster geschwebt waren.
Telsek war inzwischen an der Innenwand hinuntergeklettert. Die Zimmerwände standen zum größten Teil noch, aber zwischen dem Schutt und den geborstenen Balken war nichts weiter zu erkennen. Der Krieger schlich zielstrebig, aber vorsichtig in Richtung der zentralen Halle, von der aus Reste zweier Treppen in die obere Etage führten. In diesem Raum lag ein Haufen Lumpen auf dem Boden, der mit getrockneten Ranken bedeckt war. Als Telsek den Haufen berührte und herumdrehte, schrie Dryan leise auf.
Das Lumpenbündel war Kron!
Der Orkdieb war nicht bei Bewußtsein, schien aber unverletzt zu sein. Trotzdem machten sich die Freunde Sorgen. Er war abgerissen und abgemagert, als hätte er lange zu wenig gegessen. Sein Atem ging stoßweise und sein Gesicht war eingefallen. Will kniete neben ihm nieder und nahm Krons Kopf auf seinen Schoß. Währenddessen kramte Dryan ein Tuch aus seinem Bündel und feuchtete es an. Vorsichtig tupfte er dem Ork den Schmutz und den Schweiß aus dem Gesicht.
Während sich die Zauberkundigen um ihren Freund kümmerten, untersuchte Telsek rasch den Rest des Gebäudes. Ein wilder Schrei ließ ihn zurück in die Halle stürzen.
Kron war aufgewacht und hatte Dryan angegriffen. Mit verzerrtem Gesicht, blutunterlaufenen Augen und unverständlichem Gestammel würgte er den Elf, der ebenso wie Will nicht genau wußte, wie er reagieren sollte. Telsek sprang hinzu und verpaßte dem Ork einen Faustschlag gegen die Schläfe. Kron sackte zusammen und lag wieder als Lumpenbündel auf dem Boden.
Sich den Hals reibend trat Dryan zu Telsek, der wie das personifizierte schlechte Gewissen auf Kron hinabsah.
„Das war schon richtig. Er ist zwar zu schwach, um wirklich gefährlich zu werden, aber er hat uns nicht einmal erkannt."
Telsek nickte gequält.
„Trotzdem, er ist mein Freund. Was ist bloß los?"
Der immer noch kniende Obsidianer hatte sich inzwischen mit geschlossenen Augen über Kron gebeugt.
„Kein Dämonenmal, soweit ich sehen kann", murmelte er. „Aber das .."
Er sah kurz zu seinen Gefährten auf und griff dann unter das zerfetzte Hemd des Diebes. Ein Amulett an einem dünnen metallischen Band kam zum Vorschein, eine ovale Scheibe aus dunklem Holz, die mit Zeichen bedeckt war, die vielleicht Buchstaben einer unbekannten Schrift darstellten, vielleicht auch nur schmückende Ornamente.
„Ein Dämonenfluch, aber ich habe so etwas noch nie gesehen und kann nicht herausbekommen, was es bewirkt. Und irgendwie ist das Ding an Krons Struktur geknüpft, ohne daß es sie durchdringt. Wir können es ihm wahrscheinlich nicht abnehmen."
„Verflucht noch einmal!" brüllte Telsek. „Wir können ihn doch nicht einfach so liegenlassen. Es muß doch ..."
Dryan hob die Hand.
„Beruhige dich. Laß uns erst einmal ruhig überlegen. Was tut Kron hier, inmitten dieser Kadavermenschen und der Schlingranken? Gibt es eine Möglichkeit, ihn hier rauszuschaffen? Kennen wir jemanden, der ihm dieses Amulett abnehmen kann? Und wie können wir den Leuten in Haven klar machen, daß Kron nicht hingerichtet werden muß?"
Der Elementarist nickte.
„Wenn wir wüßten, was für ein Dämon dafür verantwortlich ist, könnten wir Kron vielleicht selbst helfen. Mir fällt da etwas ein. Kron hatte doch nach einem Artefakt gesucht. Jemand hat ihm vielleicht von einem Astralsextanten erzählt. Damit hätte er zumindest nachweisen können, nicht besessen zu sein. Und er wollte schließlich auch in die westlichen Katakomben."
„Die alten magischen Labore. Da haben wir damals schon einiges gefunden", ergänzte Dryan. „Das wäre wirklich eine Möglichkeit."
„Damit wissen wir immer noch nicht, was wir jetzt mit Kron machen", grummelte Telsek.
„Wir lassen ihn erst einmal hier. Wir können ihn schlecht mitschleppen und ständig wieder bewußtlos schlagen. Irgend jemand hat ihn hierher gebracht und scheint dafür zu sorgen, daß er am Leben bleibt. Ich denke ..."
Dryan hielt plötzlich inne. Dann schlug er sich vor den Kopf.
„Das ist es. Kron ist der Köder. Das Amulett hat Verbindung zu einem Dämon, einem großen, wie du gesagt hast, Will. Und in der Umgebung sind alle Dämonen verschwunden. Buualgathor ist auf der Jagd."
Schweigen legte sich über die Gruppe. Alle drei überdachten mit Schrecken die Konsequenzen aus dieser Möglichkeit.
Buualgathor, der Dämonenjäger. Selbst einer der großen Dämonen, genügte es ihm schon seit langem nicht mehr, sich mit Namensgebern abzugeben. Seine Lieblingsnahrung war das Entsetzen von Dämonen. Seine Spezialität: Leute mit Dämonenmalen oder verfluchten Gegenständen zu benutzen, um seine Opfer aufzuspüren. Selbstverständlich war es ihm ziemlich gleichgültig, was mit den Ködern dabei geschah. Buualgathor neigte dazu abzuwarten, bis der von ihm ausgewählte Dämon bei seinem Gezeichneten auftauchte und weidete sich dann daran, wie der Folterer selbst zu Gefolterten wurde. Und Parlainth war ein so lohnendes Jagdgebiet, daß er immer wieder zurückkehrte, das sagten jedenfalls die Gerüchte.
Kron hatte kaum eine Chance zu überleben. Und die Gefährten hatten kaum eine Chance, ihm zu helfen, wenn sie nicht den von Buualgathor ins Auge gefaßten Dämon vor ihm erwischten und ausschalteten. Gegen Buualgathor selbst konnten sie überhaupt nicht ausrichten, das war ihnen sofort klar. Zwar gab es nur Gerüchte über den Dämonenjäger, die allerdings stammten aus in gewissem Sinne zuverlässigen Quellen.
Jedesmal, wenn der Jäger auftauchte, bekamen die Namensgeber in der weiteren Umgebung Alpträume, die so realistisch waren als hätten sie es selbst erlebt, mit der eigenartigen Gestalt mit den sieben Klingenarmen gekämpft zu haben. Und unter schrecklichsten Qualen verloren zu haben und gestorben zu sein. Eine begründete Theorie erklärte, daß die Erinnerungen der von Buualgathor getöteten Dämonen in seiner Nähe präsent blieben und auf fühlende Wesen übertragen wurden. Da die Gestalt in den Alpträumen und ihre Vorgehensweise immer die gleichen waren, konnte man sich ein ziemlich genaues Bild von dem Dämonenjäger machen.
Einige wenige Abenteurer waren ihm sogar begegnet und hatten überlebt, so daß die Traumbilder bestätigt werden konnten. Dagegen war Duaga harmlos.
„Buualgathor ist nicht in der Nähe, sonst hätten wir ihn gespürt", brach Will schließlich die Stille. „Also bleibt uns noch ein wenig Zeit. Wir können Kron wirklich nicht mitnehmen, sonst haben wir den Jäger sofort auf dem Hals. Die einzige Möglichkeit ist, schnellstens den Sextanten zu finden, damit den Auslöser des Fluchs ausfindig zu machen und zu beseitigen. Wenn der Fluch aufgehoben ist, hat Buualgathor kein Interesse mehr an Kron. Hat jemand Einwände?"
Dryan und Telsek schüttelten den Kopf, aber begeistert war keiner von ihnen. Selbst der Magier war sich sicher, daß seine Alpträume in der letzten Nacht nichts mit dem Dämonenjäger zu tun hatten, aber sich auf dessen Abwesenheit im Moment zu verlassen, gefiel ihm nicht im geringsten. Und Telsek war anzusehen, daß es ihn förmlich zerriß, Kron einfach hier in der Obhut der Kadavermenschen zu lassen. Aber schließlich kochten sie da draußen etwas, das konnte nur bedeuten, daß sie den Ork versorgten. Sie selbst brauchten schon lange keine Nahrung mehr.
Fast zärtlich strich der Krieger Kron die verfilzten Haare aus dem Gesicht und flüsterte: „Wir kommen wieder, mein Freund."
Dann verließen die drei das Haus wieder durch das Fenster. Die Säcke mit den Statuenbruchstücken ließen sie in einem Winkel stehen; es gab Wichtigeres als einen möglichen Gewinn.
Da sie ziemlich sicher waren, daß die Kadavermenschen kaum auf sie achten würden, traten die Gefährten den Rückweg diesmal über die Dächer an. Die Ranken waren zum größten Teil noch nicht so hoch gewachsen, so daß ein paar Himmelsleitern und ein paar Kletterkunststücke ausreichten, aus dem zugewucherten Gebiet zu entkommen. Für einen Dämon stellte die Hecke kein Hindernis dar; sie sollten wohl nur die lebenden und untoten Bewohner der Kleinen von Buualgathors Spielplatz ferngehalten werden. Fast traurig dachte Dryan darüber nach, daß es wohl doch keine harmlosere und hoffnungsvollere Erklärung für den Aufenthalt Krons in den Kleinen gab.

Als sie die Dunkelzone verließen, war es längst Nacht geworden. Keiner der Gefährten dachte an Schlaf. Der kürzeste Weg in die westlichen Katakomben führte vorbei am Schreienden Brunnen und durch das Kriegsgebiet. Sie hatten keine Zeit, sich einen ungefährlicheren Pfad durch die Unterwelt von Parlainth zu suchen. Mit zusammengebissenen Zähnen folgten sie dem klagenden Heulen, das aus dem ehemaligen Stadtzentrum drang und die Richtung angab. Ihr Freund brauchte Hilfe.



Weiter

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

Zurück zur Startseite