3. Kapitel


Unklare Fährten




Nach drei Tagen standen die Freunde endlich wieder am Waldrand, ein paar Meilen westlich des Punktes, an dem sie den Blutwald betreten hatten. Insgeheim fragte sich Dryan nicht zum ersten Mal, wer oder was die Pfade kontrollierte, die durch den Wald führten. Auf irgendeine Art und Weise schienen sie immer in die richtige Richtung zu führen und dabei dennoch den zweifellos vorhandenen Siedlungen der Blutelfen auszuweichen. Selbst der Trupp Dornenmenschen, der sie stumpfsinnig wie immer zurück zum Palast führen wollte, kam in Richtung Norden nicht weiter.
Eingeschlossen zwischen den Konstrukten und dem verflochtenen Unterholz war den Gefährten am Ende nichts weiter übrig geblieben, als die fünf dornigen Wächter, denen man nichts erklären konnte, zu Kleinholz zu zerlegen, was sich zum Glück als recht einfach erwiesen hatte. Und die Abzeichen, die sie getragen hatten, konnte man vielleicht später noch einmal verwenden - obwohl keiner der drei jetzt darüber nachdenken mochte, daß sie wieder hierher zurückkehren mußten.
"Da vorn ist so etwas wie ein Weg", stellte Will fest. "Wir sollten "
Noch bevor der Obsidianer seine Bemerkung beendet hatte, gingen Dryan und Telsek schon in die angegebene Richtung. Alles war besser als der Blutwald, wohin dieser Pfad auch führen mochte. Mit leichter Belustigung stellte Will fest, daß sich der Elf ein paar hängengebliebene Blätter vom Umhang streifte und dabei ein Gesicht zog, als wären es eklige Spinnen.
Unterwegs gingen allen dreien ähnliche Gedanken durch den Kopf.
Was war mit Takaris geschehen, dem bisher einzigen Blutelfen, dem sie wenigstens ein wenig Sympathie entgegenbringen konnten? War es wirklich eine der ausgefeilten Intrigen, wie Dryan annahm? Oder war Takaris einfach bloß auf einer seiner Missionen verschollen? Telsek war sich da ziemlich sicher. Er mochte vielleicht in erheblich schlichteren Bahnen denken als seine beiden Begleiter, aber das machte dem Troll nicht allzuviel aus. Nicht alles konnte so verwickelt sein, wie es in Theras höheren Kreisen ablief. Das gewöhnliche Leben war oft viel unkomplizierter, dabei aber nicht einfacher.
Seufzend dachte Telsek an seine Frau und die Rangen, die zu Hause auf ihn warteten. Seine Hörner würden nie mehr nachwachsen, das wußte er mit Sicherheit. Also konnte er auch nie zurückkehren.
Wenn er nur den Mut besitzen würde, in die Brachen zu gehen und sich seinem alten Feind zu stellen
Doch das Wagnis war zu groß. Allein hatte der Krieger nicht die geringste Chance gegen den Dämon, dem er damals begegnet war. Und die Bilder seiner zerstückelten Kameraden, die ihn in seinen Träumen immer wieder heimsuchten, legten sich allzu oft über seine derzeitigen Freunde. Nein, auch wenn sehr Elf ab und zu unerträglich besserwisserisch war und der Obsidianer schwer zu durchschauen, er konnte die beiden nicht dieser Gefahr aussetzen, wenn es nur um seine Ehre ging. Sie hatten schon zu viele Gefährten sterben sehen.
Ohne daß Telsek es ahnte, dachten auch Will und Dryan gerade an die Freunde, die sie in den letzten Monaten verloren hatten. Als sie das letzte Mal dem Blutwald entkommen waren, waren sie noch zu sechst gewesen. Und nun
Dwalin Rotbart, der ewig betrunkene und schimpfende, aber ausgesprochen fähige Zwergenmagier, der in einen fast endlos tiefen Abgrund gestürzt war. Seine Überreste waren so weit über den Boden verteilt gewesen, daß sich Gefährten nicht sicher waren, jeden Knochen gefunden zu haben, als sie ihn bestatteten.
Th'as'kund'aran, der junge T'skrang, von dessen Körper nach dem Zusammenstoß mit einem Schwarm Blutbienen nur eine vertrocknete Hülle übriggeblieben war. Selbst Dryan hatte sich nicht den gesamten Namen des Schwertmeisters merken können, was sich der Elf immer noch nicht verzeihen konnte.
Und natürlich auch Jules, der sich Eisenfaust nannte. Aber immerhin bestand bei dem undurchsichtigen Luftpiraten wenigstens noch die Möglichkeit, daß er sich einfach im richtigen Moment aus dem Kampf mit den Dämonenkonstrukten abgesetzt hatte und inzwischen mit einem gekaperten Drakkar die Gegend unsicher machte. Seine Leiche hatten sie damals nicht gefunden und zuzutrauen wäre es dem Menschen mit dem wilden Bart und der Augenklappe allemal.
Mit diesen trüben Gedanken erreichten die drei den Weg, der kaum benutzt nach Westen führte.

Gerade als die Dämmerung hereinbrach, kam ein Dorf in Sicht. Etwa zwei Dutzend Häuser machte Will aus, die so baufällig wirkten als wären sie nicht erst nach der Plage erbaut worden. Im Zentrum der Ansiedlung stand ein zweistöckiges Gebäude, das eine Taverne sein mochte. Aber auch das Schild, das über der Tür baumelte und wohl eine ziemlich primitive Darstellung einer der Erscheinungsformen von Lochost sein sollte, machte eher den Eindruck von Verkommenheit als heimelig zu wirken.
"Wollt ihr dort übernachten?" fragte Will.
"Es kann nur besser als draußen sein", antwortete Dryan leise, der seine Begegnung mit den Blutelfen immer noch nicht überwunden hatte. "Es wird Regen geben heute nacht."
"Seit wann stört dich so etwas?" gab Will zurück.
"Er will einfach nur einmal einen Abend unter einfachen, normalen Namensgebern verbringen", antwortete Telsek für seinen Freund. "Frag nicht weiter. Es ist schwer genug."
Will lächelte. Inzwischen waren ihm seine derzeitigen Begleiter so weit an das steinerne Herz gewachsen, daß er auch ihre für ihn unverständlichen Wünsche einfach zur Kenntnis nahm.
"Und laßt mich reden", fuhr Telsek fort. "Sonst verunsichern wir sie noch mehr."

In dem engen, verrauchten Gastraum der Taverne schlug den Gefährten genau das Mißtrauen entgegen, das sie erwartet und schon beim Betreten des Dorfes gespürt hatten. An den beiden Tischen saßen Bauern, die sich bei verschiedenen Getränken vom Tagewerk erholten - vier Zwerge, drei Menschen und drei Orks. Sie sahen unwillig auf, als mit den späten Besuchern ein kühler Windstoß durch den Raum strich.
"Garlen schütze Euch", begrüßte Telsek dröhnend die Anwesenden. "Habt Ihr ein Zimmer frei?"
"Selbstverständlich."
Der hagere Wirt hinter dem Tresen, welcher nur eine grobe Platte auf ein paar Fässern war, witterte sofort die Gelegenheit, ein wenig Silber mehr als üblich zu verdienen.
"Und drei Bier für uns müde Wanderer. Etwas Warmes zu essen wäre auch nicht verkehrt."
Damit schob Telsek Dryan an den Tresen und setzte sich vorsichtig auf den nächsten Hocker, der unter seinem Gewicht bedenklich knarrte. Will blieb lieber stehen und versuchte, so unbeteiligt wie möglich auszusehen.
Der Elf hob die Brauen, als er die Bestellung zur Kenntnis nahm, aber er würde wohl in den sauren Apfel beißen müssen - oder eher das saure Bier. Dafür klang das Tuscheln an den Tischen etwas weniger bösartig.
Der Wirt stellte mit abweisendem Gesicht drei große Krüge vor die ungebetenen Gäste.
"Mit dem Essen müßt Ihr noch ein bißchen warten", sagte er. "Mein Sohn kocht hinten den Eintopf."
Telsek nickte grinsend.
"Das klingt gut. Wir haben es nicht eilig."
Dann holte er tief Luft, beugte sich verschwörerisch über den Tresen und fragte geradeheraus: "Habt Ihr in letzter Zeit etwas von Sklavenjägern in der Nähe gehört?"
Die Luft in dem kleinen Raum schien zu gefrieren.
Dryan schloß die Augen und verkniff sich ein Kopfschütteln. Dieses plumpe Vorgehen war einfach
"Tjaaa", antwortete der Wirt schließlich. "Warum sollte ich mit Fremden darüber reden? Vielleicht seid Ihr selbst "
"Glaubt Ihr wirklich, daß wir dann einfach ins Dorf kommen und fragen würden?" unterbrach ihn Will mit blitzenden Augen. "Wir sind Abenteurer und jederzeit bereit, etwas gegen solchen Abschaum zu unternehmen. Aber dazu brauchen wir Informationen."
Der Obsidianer hatte die Situation richtig eingeschätzt. Einer der Zwerge stand mit brennenden Augen auf und stellte sich neben die drei Gefährten.
"Ihr wollt sie also schnappen. Gut so. Letzte Woche haben sie meinen Neffen aus dem Nachbardorf weggeholt. Und die Frau von Grudi ist schon seit fast einem Monat verschwunden. Das waren Theraner, darauf wette ich."
Auch einer der Orks erhob sich schwankend und warf dabei fast seinen Krug Hurlg um.
"Laß es gut sein, Jeldes. Grudis Frau ist bestimmt weggelaufen, weil er sie mal wieder verprügelt hat. Das interessiert die Männer hier sicher nicht", sagte er mit schwerer Zunge. "Wir wollen keinen Ärger. Nimm noch einen Krug und dann geh nach Hause."
Der Zwerg setzte sich grummelnd wieder hin.
Trotzdem schien das Eis gebrochen zu sein. Nach einer Schüssel wirklich hervorragendem Eintopf und zwei weiteren Krügen Bier hatten die Gefährten alles erfahren, was in dem Dorf über die Aktivitäten bekannt war - wenn es auch nicht viel war.
Ab und zu fuhren nachts schwere Wagen, die von ein paar gerüsteten Reitern begleitet wurden, in Richtung Süden durch das Dorf. In der Umgebung waren immer wieder Leute verschwunden, ausnahmslos Zwerge. Und im Blutwald, der so gefährlich nahe lag, sollte es Unruhen geben; einer der Bauern hatte angeblich sogar einen Trupp Dornenmenschen am Rand seines Feldes gesehen.

"Hmmm, das könnte alles Mögliche bedeuten", sagte Will schließlich, als sie das einzige Zimmer des Gasthauses, direkt über dem Schankraum, in Beschlag genommen hatten. "Ich würde vorschlagen, daß wir morgen einfach der Straße nach Süden folgen und nachsehen, was es mit den geheimnisvollen Wagen auf sich hat."
"Es ist der einzige Anhaltspunkt, den wir bisher haben", stimmte der Magier zu.
"In Ordnung."
Der Troll warf seinen Rucksack in eine Ecke und schaute sich zweifelnd die beiden schmalen Bettgestelle an, auf denen schmuddlige Strohsäcken lagen.
"Und ich nehme natürlich die erste Wache."

Es waren noch ein paar Stunden bis zur Morgendämmerung, als Will, der am kleinen Fenster saß, ein leises Klappern hörte, das sich dem schlafenden Dorf näherte. Rasch weckte er seine Gefährten.
"Da kommt etwas, vielleicht einer der Wagen, von denen die Bauern erzählt haben."
Ohne ein Geräusch sprang Dryan auf. Und ohne ein Wort stellte sich Telsek, die Axt in der Hand, neben seine Gefährten.
"Was ist das?", raunte der Elf.
Will starrte in die Finsternis auf der Dorfstraße.
"Ich weiß nicht genau", flüsterte er zurück. "Laßt mich einen Moment in den Astralraum sehen."
Damit schloß er die Augen.
Telsek bemühte sich, an seinem ausladenden Freund vorbeizusehen. Er schätzte die Möglichkeiten ab, mit einem schnellen Sprung auf die andere Seite der Straße zu gelangen und aus dem dunklen Zwichenraum zwischen den Hütten gegenüber Wenn nur das Fenster nicht so winzig wäre, daß er seine Schultern nur mit Mühe hindurchzwängen könnte
"Es ist schwierig", unterbrach der Obsidianer die taktischen Überlegungen des Kriegers. "Unter der Plane hockt ein knappes Dutzend Zwerge. Nichts außergewöhnliches. Aber sie werden von einer Eskorte begleitet, mit der wir uns vielleicht nicht ohne Vorbereitung anlegen sollten. Sechs Mann, und ein paar Adepten dabei. Ich hoffe, sie haben meine Beobachtung nicht bemerkt. Und am Wagen selbst sind ein paar magische Fallen; allerdings nichts, was ich auf die Schnelle erkennen konnte."
"Das sind sicher die Sklavenjäger, von denen die Leute erzählt haben", sagte Telsek, die Augen zu schmalen Schlitzen verengt.
Er mußte nicht einmal mehr flüstern; das Rumpeln des Wagens und die Hufschläge der Reittiere übertönte mittlerweile jede gewöhliche Lautäußerung. Keiner der Dorfbewohner schien sich zu rühren - entweder schliefen sie tief oder aber sie wagten sich nicht einmal, nach dem Wagen zumindest zu sehen, der gerade die ersten Hütten passierte.
"Wenn wir noch einen Überraschungsvorteil haben wollen ", knirschte der Troll.
"Wir sollten hier im Dorf keinen Kampf anfangen. Dabei könnten Unbeteiligte zu Schaden kommen. Ich habe euch doch gesagt, daß vier von den Wächtern Adepten sind und wie der Wagen gesichert ist", versuchte Will, seinen kampfbereiten Freund zurückzuhalten.
"Na, dann warten wir ein bißchen, bis sie aus dem Dorf raus sind, und greifen sie auf der Straße an."
Der Troll konnte sich nur mit Mühe beherrschen.
Diesmal war es Dryan, der den Kopf schüttelte.
"Was glaubst du, was die Dorfbewohner denken, wenn wir morgens einfach verschwunden sind? Ich fürchte, dann können wir uns hier nie wieder sehen lassen. Mir macht jedenfalls keinen Spaß, für einen Sklavenjäger gehalten zu werden."
Will legte dem grollenden Troll begütigend die Hand auf die Schulter.
"Wir werden aufbrechen, sobald es hell wird. Wir verabschieden uns noch ganz normal vom Wirt. Der Wagen ist langsam und schwer. Die Spuren, die er hinterläßt, sind sicherlich kaum zu übersehen. Spätestens gegen Mittag haben wir ihn eingeholt. Und dann darfst du gerne ein paar Wächter verprügeln, falls das nicht ganz harmlose Namensgeber wie du und ich sind."
"Ha! Harmlos!" schnaubte Telsek. "Ihr werdet ja sehen "
Keiner der Gefährten konnte in dieser Nacht noch ein Auge zutun, obwohl das Rumpeln bald verklang.

Bis zum Mittag des nächsten Tages war es wirklich keine Schwierigkeit, der Spur des Wagens zu folgen. Die Räder hatten sich tief in die Erde des Weges gedrückt, ebenso die Fußabdrücke einiger Reitechsen größeren Kalibers. Dann schienen sie jedoch abgebogen zu sein und sich durch die Steppe in Richtung Süden weiterbewegt zu haben.
Telsek, der mit gesenktem Kopf und aufmerksamem Blick vorausgegangen war, beugte sich über das heruntergedrückte Gras und fing plötzlich an, wild zu fluchen. Als Will und Dryan ihn erreichten, sahen sie sofort, was den Krieger so aufgebracht hatte.
"Von wegen harmlos ", sagte er bitter.
Dem Troll war nicht zum Lachen zumute, obwohl er recht behalten hatte. Einer der Bewacher mußte ein Scout oder so etwas sein. Die Spuren des Wagens und der Reitechsen waren drei Schritt neben der Straße wie weggeblasen. Es sah so aus, als wäre niemals ein größeres Lebewesen hier durch die Steppe gezogen.
Will kniete sich auf den Boden und starrte angestrengt auf die Stelle, an der die Reifenspuren abbrachen.
"Wenn die Passionen uns beistehen, kann ich vielleicht "
Er begann, leise und unverständlich vor sich hin zu murmeln.
"Was soll ?" begann der Krieger wütend, aber Dryan schüttelte den Kopf.
"Pssst."
Warum konnte dieser alte Dickkopf nicht einfach still sein, wenn er sah, daß Magie gewirkt wurde? Das mußte er doch mittlerweile erkennen.
"Nicht sehr gerissen", sagte Will schließlich, nachdem er sein Gespräch mit den Pflanzengeistern abgeschlossen hatte. "Ich hätte ja wenigstens die Richtung gewechselt. Allerdings haben Gräser kein gutes Zeitgefühl. Vielleicht ist es schon ein paar Monate her, daß hier ein Wagen durch ist."
Telsek verzog abschätzig den Mund.
"Wie jetzt?"
Der Obsidianer machte eine vage Geste.
"Vor einiger Zeit ist hier etwas Großes vorbeigekommen, das ein paar Gräser platt gemacht hat. Und es war nicht das erste Mal. Aber natürlich läßt sich der Zeitrahmen nicht besonders gut festlegen."
Dryan grinste. Bevor es zu einer weiteren Auseinandersetzung kam, sollte wenigstens er das Ziel dieser Reise im Augen behalten. Und die Miene das Trolls wirkte gerade nicht besonders geduldig.
"Solange wir nichts besseres haben, gehen wir einfach in diese Richtung", sagte er begütigend.
Wortlos lief Telsek voran, nach Westen.

Am Abend des nächsten Tages erreichten die Gefährten das schilfbewachsene Ufer eines Flusses, dessen dunkles Wasser tief und gefährlich wirkte. Will konnte sich einige Kreaturen vorstellen, die hier hausten - und er wollte ihnen nicht wirklich begegnen. Dazu kam, daß ihm durchaus bewußt war, daß der Nachtfalterfluß aus dem Blutwald kam. Vielleicht täuschte er sich, aber er glaubte, einen rötlichen Schimmer wahrzunehmen.
Eine Tagesreise weiter südöstlich würde dieser Fluß in den Schlangenfluß münden, wenn die Karte nicht täuschte.
Hier am Ufer war die Wagenspur plötzlich wieder deutlich zu sehen. Es hatte wohl niemand mehr für nötig gehalten, sie so weitab der Straße zu verbergen. Die Spur endete jedoch direkt an einer lichten Stelle im Schilf, die so aussah, als hätte jemand erst vor kurzem die Pflanzen niedergedrückt.
Dryan stöhnte.
"Damit hatte ich nicht gerechnet. Sie haben den Wagen auf einen Lastkahn gefahren."
Telsek nickte wortlos und sah sich die Landestelle genauer an. In der feuchten Erde waren ein paar Abdrücke zu sehen, von denen ein Teil bereits mit Wasser gefüllt war.
"Es war keines von den großen T'skrang-Flußschiffen", stellte er fest. "Kein besonderer Tiefgang, aber breit. Da haben sie ein paar Bretter für den Wagen angelegt. Und fünf der Reiter sind nach Südosten abgebogen, bevor sie ihre Spuren wieder verwischt haben."
"Vielleicht angeheuerte Söldner", vermutete Will.
"Sehr wahrscheinlich", sagte Dryan, der sich bemühte, seine Enttäuschung unter Kontrolle zu bekommen, indem er angestrengt nachdachte. "Es wird nicht viel Sinn machen, ihnen zu folgen. Der Wagen ist das Interessantere. Dieser Platz hier ist wie gemacht für ein Treffen von ein paar bezahlten Handlangern mit einem Auftraggeber, der seinen Standort geheimhalten will. Aber trotzdem hat derjenige etwas verraten - nur noch ein Reiter ist bei dem Wagen, was vermuten läßt, daß keine weitere Bewachung nötig ist. Und das am hellen Tage. Entweder hat er sein Versteck in der Nähe, direkt am Fluß beispielsweise, oder aber eine der Handelsgesellschaften kennt ihn - was nicht heißen muß, daß die T'skrang wissen, was der Kahn transportiert, den sie tolerieren."
"Vielleicht ist er aber auch ein Flußpirat. Oder er ist nach Norden gefahren", gab Will zu bedenken.
"Eher nicht."
Telsek schüttelte den Kopf.
"Der Typ hat keine Ahnung. Das Schiff ist ungeschickt angelegt worden. Ein paar Schritt weiter hätte man viel bequemer einen Steg ans Ufer legen können. Wenn sogar ich das sehe Und nach Norden? In den Blutwald?"
Der Troll schüttelte sich.
"Ich habe da so ein Gefühl."
Der Elf blickte seufzend seine Freunde an.
"Ich weiß, daß wir nicht so schnell dahin zurück wollen. Aber es bleibt trotzdem der wahrscheinlichere Weg. Ich glaube wirklich nicht, daß jemand mit Sklaven an Bord tagsüber auf den Schlangenfluß fährt."
Will nickte.
"Und eine andere Spur habe wir auch nicht."
"Höchstens zwei Tage", sagte Telsek, dem klar war, daß er soeben überstimmt worden war, ruhig. "Wenn wir dann nichts finden, gehen wir in die andere Richtung. Ihr wißt, mein Gefühl."
Schon oft hatten Telseks Instinkte in die richtige Richtung gewiesen, aber die beiden Zauberkundigen waren sich sicher, daß sie diesmal kaum verläßlich sein konnten. Kein Namensgeber, egal wie verrückt, würde sich mit einem der Handelshäuser anlegen. Noch war der Sklavenhandel in Barsaive trotz der Gesetze Throals nicht vollständig ausgerottet, aber offen auf dem Schlangenfluß zu operieren

Der Troll blieb auch weiterhin an der Spitze der Gruppe. Selbst während der Marschpausen konnte er seine Unruhe nicht unterdrücken - er wanderte hin und her, untersuchte immer wieder das Ufer des Flusses und starrte in die Landschaft. Schon daß sie sich wieder dem Blutwald näherten, machte ihn nervös, aber noch schlimmer war das zwingende Gefühl, daß sie sich von ihrem Ziel nur immer weiter entfernten.
"Setz dich doch, mein Freund", versuchte Will schließlich am Abend, Telsek zu beruhigen. "Die Wachen sind eingeteilt, wir haben nicht Schlimmeres als die beiden kleinen Blitzechsen vorhin getroffen und ..."
"Laß mich einfach in Ruhe", erwiderte Telsek unwirsch. "Am liebsten würde ich sofort umkehren, weißt du."
"Ich verstehe zu gut, daß du den Blutwald nicht magst", sagte Dryan. "Aber trotzdem ist das die wahrscheinlichste Richtung."
Telsek seufzte und setzte sich schließlich doch ans Feuer.
"Es geht nicht um den Wald. Merkt ihr denn nicht, daß es nicht stimmt?"
"Hast du denn etwas wahrgenommen?", fragte Will.
"Nein", antwortete der Troll finster. "Und genau das ... Keine Spur eines Bootes. Keine Spuren am Ufer. Nichts, was in diese Richtung weist."
"Und wenn derjenige einfach inzwischen nicht angelegt hat?" warf Dryan ein.
Telsek holte tief Luft.
"Ich weiß. Und trotzdem ..."
Nein, er konnte das einfach nicht erklären. Ebensowenig wie er die echte Magie verstehen konnte, konnten die Zauberkundigen seine Magie, die Magie eines Kriegers nachvollziehen.
Hoffentlich irrte er sich. Hoffentlich hatten sie nicht zu viel Zeit vertan. Hoffentlich war es noch nicht zu spät für die Zwerge oder Takaris.

Der nächste Tag war einer derjenigen, die niemals wirklich hell werden wollten. Zwei Stunden vor Sonnenaufgang hatte es begonnen zu regnen, und so, wie der Himmel aussah und die Tropfen fielen, würde es so bald nicht aufhören. Dicke, graublaue Wolken zogen langsam und tief über die Gefährten hinweg.
"Sch...-wetter", kommentierte Telsek und versuchte, seine Decke auszuwringen. "Und heute abend kommen wir im Blutwald an. Tolle Aussichten."
"Wenn wir weiter am Fluß bleiben, dauert es noch mindestens zwei Tage", gab Will mit neutraler Stimme zurück.
Dryan enthielt sich einer Äußerung. Ihm war klar, daß Will völlig recht hatte, was die Strecke anbetraf, so wie sich der Nachtfalterfluß wand. Andererseits hatten sie zwar nicht wirklich vereinbart, daß sie nach spätestens zwei Tagen umkehren würden, wie der Krieger verlangt hatte, aber es hatte auch keinen Widerspruch gegeben. Sie würden also nicht einmal bis zum Blutwald kommen, wenn sie Telseks Frist einhalten würden. Irgendwo dort mußte der Schlüssel liegen, da war sich der Elf sicher, aber vielleicht hatte Telsek auch recht. Der Schlüssel und das Schloß mußten nicht immer ... Plötzlich durchfuhr ihn eine dieser Einsichten, für die es keine logische Erklärung gab.
Vielleicht übernahmen die Passionen die Entscheidung für sie. Vielleicht stammte diese blitzartige Erkenntnis nicht von ihm. Und so sehr es Dryan auch wurmte, daß es so war, er konnte und wollte sie seinen Freunden gegenüber nicht verbergen.
"Wenn die nächste ernsthafte Begegnung nichts mit dem Wagen oder Takaris zu tun hat, kehren wir um", sagte der Magier leise.
Will hob seine haarlosen Brauenwülste.
"Warum?" fragte er.
Telsek schien plötzlich um eine Handbreit zu wachsen, ohne dabei stolz zu wirken. Er sah eher aus, als wäre eine schwere Last von seinen breiten Schultern genommen worden.
"Spürst du es also auch?"
"Das Schloß und der Schlüssel", antwortete Dryan tonlos. "Es geht um etwas im Blutwald, da bin ich immer noch sicher. Aber möglicherweise finden wir denjenigen, der etwas aus dem Blutwald sucht, an einer anderen Stelle. Ich habe da so ein Gefühl ..."
"Die nächste ernsthafte Begegnung", sagte Telsek und grinste. "Das ist doch endlich einmal eine ziemlich eindeutige Aussage."
Der Obsidianer sagte nichts mehr dazu. Natürlich waren alle Verflechtungen vielschichtiger, als die Kurzlebigen sie durchschauen konnte. Manchmal lag es einfach an deren mangelnder Zeit. Aber mitunter gab es auch etwas, daß selbst er mit seiner Erfahrung und Weitsicht nicht durchschauen konnte. Und selbstverständlich geschahen ab und zu Dinge, die einfach nur paßten. Zeichen und Verbindungen und Vorhersagen.
Will zweifelte die Einsichten seiner Freunde nicht an. Aber: Wie viele Interpretationen ließ der Ausdruck "ernsthafte Begegnung" zu? Er hoffte, daß er es im richtigen Moment wissen würde, daß es die richtige Interpretation war.

Gegen Mittag war der Himmel immer noch nicht lichter geworden. Der Nachtfalterfluß wirkte unter dem Regen träger als er wirklich war. Und die dunklen Bäume, die sich den kleinen Gehölzen zusammendrängten, erinnerten bereits an die Stämme des Blutwaldes, auch wenn sie fast noch wie normale Bäume aussahen.
Telsek, der seine unübliche Position als Anführer der Gruppe immer noch innehatte, hob plötzlich die Hand zum altbekannten Stopsignal. Lautlos begannen die Zauberkundigen die Vorbereitungen für eine Auseinandersetzung.
"Laßt das", zischte der Troll, der eine Blick nach hinten warf und die Gesten natürlich erkannte. "Das muß ich allein durchziehen."
Mit einem tiefen und wütenden Grunzen bahnte sich etwas einen Weg durch das vor den Gefährten liegende Gebüsch. Will und Dryan warfen sich einen kurzen Blick zu. Sollten sie wirklich dem Befehl des Trolls folgen?
Bevor sie allerdings eine Entscheidung getroffen hatten, brach ein zottiger Brithan durch das Unterholz. Dryan lächelte, Will verzog nur einen Mundwinkel. Natürlich hatte Telsek recht. Das war seine Sache.

Es dauerte nur fünf Minuten, dann hatte der Krieger das gereizte Tier in seine Schranken gewiesen. Und er hatte es so geschickt angestellt, daß sich der Brithan zwar eine schmerzhaften Fleischwunde am rechten Hinterbein zugezogen hatte, er aber von ihr nicht behindert wurde.
Telsek schob die Axt in die Gürtelschlaufe und redete beruhigend, aber trotzdem bestimmt auf das Wesen ein, das auf die Hinterbeine aufgerichtet mindestens seine Schulterhöhe erreichen konnte.
Aber der Brithan machte keine Anstalten, diesen Eindringling in sein Revier noch einmal anzugreifen. Er senkte das gehörnte Haupt und ließ es zu, daß die große Trollhand das Fell zwischen den Hörnern krauste. Er erkannte den Anführer an.
"War das jetzt eine ernsthafte Begegnung?" fragte Dryan.
Will hob die Hände zu einer unschlüssigen Geste.
"Eigentlich nicht", erwiderte er. "Es ist für Adepten wie uns kein Problem, einen Brithan zu zähmen. Und trotzdem ..."
Er überlegte.
"Genau", setzte Telsek fort, den Brithan an seiner Seite wie einen treuen Hund. "Wenn jemand anderes in letzter Zeit durch sein Revier gekommen wäre, wäre der Bursche hier tot oder gezähmt oder es würden ein paar Leichen herumliegen."
"Und der Fluß?"
Will wies nur wortlos auf die Steine, die ein paar Schritt voraus wie eine Reihe abgeschliffener Zähne knapp aus dem dunklen Wasser ragten. Selbst ein Schiff mit geringem Tiefgang wäre hier kein Durchkommen. Wenn nicht jede Menge Magie im Spiel war. Aber jemand mit solchen Fähigkeiten hätte von vornherein anders vorgehen können.
"Also doch zurück", seufzte Dryan.
"Sei ehrlich, du wolltest doch sowieso nicht schon wieder in den Blutwald", versuchte Will, dem Elf die Sache etwas leichter zu machen.
Telsek trabte inzwischen schon in der eigenen Spur zurück.
Nur der Brithan, dem der Troll heimlich ein wenig Heilsalbe gespendet hatte, sah dessen grimmiges Lächeln. Aber selbst wenn er hätte sprechen können, hätte er seinen neuen Anführer nicht verraten. Dieses eigenartige zweibeinige Wesen hatte ihn besiegt und dann seine Schmerzen gelindert. Er würde ihm bis ans Ende der Welt folgen und gegen jeden Gegner verteidigen. Zumindest einstweilen ...

Nach drei Tagen und zwei kleinen Auseinandersetzungen mit unbekannten Raubtieren, die der Brithan in kürzester Zeit in die Flucht schlug, erreichten die Gefährten den Schlangenfluß. Der Nachtfalterfluß vereinigte sich mit seiner unvergleichlich größeren Schwester; die dunklen Wasser gingen fast unmerklich in den ausladenden Fluten auf. Und etwas war da ...
Telsek zeigte grinsend nach vorn und klopfte dem Brithan auf den Hals.
"Habe ich das nicht gleich gesagt?"



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